Kapitel 26: Herzlich willkommen, Junior, im Geheimzirkel

Ein Ort mitten in der Stadt kam dafür überhaupt nicht infrage. Schon gar nicht das Schlosshotel oben im Bergpark. Etwas zu essen wäre schon gut, gehobene Hausmannskost. Vor allem aber: Verschwiegenheit der Betreiber.

Ich war das erste Jahr in der Firma und nun war es soweit: Der Junior kam mit zum Unternehmertreff. Viele Dinge mussten besprochen werden, nichts durfte durchsickern. Wir fuhren Richtung Nordost bis fast zur Stadtgrenze, die Bewaldung fing gleich hinter dem Gasthaus an. Der Parkplatz für Mercedes und BMW war diskret hinter dem Haus, gut gefüllt. Gleich hinter dem Eingang ging es nach rechts in einen Raum. Niemand musste zuerst die große Gaststube durchqueren, könnte vielleicht gesehen werden.

Ich trat ein in diesen Geheimzirkel. In der Mitte des, natürlich mit dunklem Holz vertäfelte Raumes war ein gestauchtes »U« mit Tischen aufgebaut. Zwei Drittel der Stühle waren bereits besetzt. Kein Handschlag, die Stimmen gedämpft. Keine Papiere auf dem Tisch. Die meisten saßen allein. Paarweise nur zwei. Wir, das dritte Paar, setzten uns. Dann nickte mein Vater den Beteiligten zu. Die anderen nickten zurück, nickten auch zu mir. Anerkennend, das war für mich deutlich zu sehen. Jetzt nickte ich zurück, vorsichtig. Wenn hier zwei zusammen saßen, dann Vater und Sohn, Senior und Junior. Junior-Töchter gab es noch nicht. 

Der Blick ging zur Armbanduhr. Punkt sieben. Es wurde ruhig. Räuspern des vor Kopf Sitzenden: »Nur ein Punkt heute. Vier oder fünf?«

In einem weitverzweigten Netz über Westdeutschland waren viele dieser holzvertäfelten Räume verteilt. Ein Stimmungsbild wurde in all diesen Nebenzimmern eingeholt, das in einem weiteren holzvertäfelten Raum eine Woche später ausgehandelt werden sollte. Die Anwesenden einigten sich auf »Vier«.

Ich war Teil dieser gekonnten Inszenierung. Es gab keine Zuschauer, ich saß mit auf der Bühne. Ich kannte die Dialoge nicht, das Stück aber kam mir irgendwie bekannt vor. Ich war Teil des Ensembles, Teil einer verschworenen Gemeinschaft geworden. Mit Rollenklarheit und Gelassenheit agierten wir. Mit »Vier« waren die meisten zufrieden, zwei Herren am anderen Ende des U-Tisches plädierten für »Drei«. Für die anderen zu provokativ. Keine Chance, »Vier« wurde verabschiedet. Vier Prozent mehr Lohn als Vorschlag. Später würde die Gewerkschaft IG Metall »Acht« fordern.

Konnte es sein, dass es kurz danach heller wurde? Der Beleuchtungsmeister im Hintergrund auf der Bühne die Scheinwerfer hochgedreht hatte? Mein Vater begann mit seinem Nebenmann zu sprechen, ich wurde von der anderen Seite freundlich begrüßt und nach meinen Plänen gefragt. Kurze Zeit später kamen die Tellergerichte. Genüsslich wurde gespeist. Ich war zugehörig. Qua Erstgeborenschaft. 

Eine Stunde später war der Parkplatz hinter dem Gasthaus wieder leer. Die Mitglieder des Männerklubs waren wieder im Schoße ihrer Familie angekommen.

Einen anderen Junior, das Kind der Gastleute, traf ich später im eigens von ihm gegründeten Unternehmerclub wieder. Das Gasthaus war nur eine Außenstelle ihres Unternehmens gewesen, fast so etwas wie eine Tarnung. Wo sonst konnte man sich ungestört austauschen? Ob es Gewinn abwarf, war nebensächlich. Nur Verluste sollte es nicht machen, das nun auch wieder nicht.

Foto Wikipedia Commens Karl-Heinz Halbig