Kapitel 31: Vater-Coaching - ein Kanute hat sich durchgekämpft

Schon Mitte der 1980er-Jahre hatte ich in der Uni-Bibliothek am Standort Monteverdistraße im Manager Magazin den Artikel »Partner in dünner Luft« entdeckt und selbstverständlich gleich kopiert.

Von einer ganz neuen Beraterbeziehung wurde berichtet: »Als Helfer bieten sich Spezialisten der Gesprächsführung an, die ihre noch wenig bekannte Tätigkeit Coaching nennen.«

Das könnte ich doch auch machen! Und bei meinen Vater-Freitagen beginnen! Es musste biografisch zur Sache gehen! Warum nicht mit dem anfangen, um was es immer ging: Geld!

Geld war der Maßstab, der Strohhalm, an den sich in unserer Familie geklammert wurde. Schließlich und endlich könnte doch alles in Geldsummen beschrieben werden. Im Kopf meines Vaters tickte das Mindset des Versorgers. Als ältester Sohn musste er sich kümmern, der Vater kam nicht aus dem Krieg zurück. Von morgens bis abends ging es sicher ums Geld. Um die Existenz. Und dort wurde wahrscheinlich auch die Existenzangst geboren. Die Angst vorm Verschwinden. Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit.

Seine wahrscheinliche Kompensation: Bedeutend werden, was in die Welt geben, anerkannt sein mit dem dem, was man schafft. Ein unendlicher Antreiber. Der zur Erlahmung kommt, wenn er aus dem Unbewussten ins Bewusste aufsteigt.

Die Aufgabe des Coaches ist es, das zu fördern: Was, wenn der Antreiber nur Antreiber ist, nix dahinter? Dann kommt es auf kurz oder lang zur Sinnkrise, zum Zusammenbruch. Dies gilt es, zu verhindern. Mit dem Erlernen der Selbstreflexion. Antreiber: neue Aufträge. Zweck: Geld verdienen. Tiefer gehen: Kümmern. Noch tiefer gehen: altes Lebensmuster. Am tiefsten: Generationen mit demselben Muster. Und nun? Das ganze Leben liegt auf dem Tisch, der Coach schreibt aufs Flipchart. Der Coach bin ich.

Im Schatten eines Patriarchen-Vaters wird der Sohn nicht bedeutend. Er ist nur Junior, es ist ihm in den Schoss gefallen. Es gab Abende im Büro meines Vaters, da habe ich mich auf seinen Stuhl gesetzt und die Welt jenseits seines Schreibtisches betrachtet. Zu sehen gab es die leeren Büros. Zu fühlen gab es den Verantwortungsdruck, sich selbst gerecht zu werden. Ich hörte die innere Stimme im wissenden Feld meines Vaters: »Tue ich genug für die anderen, damit es ihnen gut geht? Wenn es den anderen gut geht, geht es mir auch gut.« Das produzierte enorme Abhängigkeiten. Wie war das mit der unternehmerischen Freiheit zu vereinbaren?

Hat mein Vater sich selbst reflektiert? Auf dem Rand der Badewanne vor dem nächsten Saunagang vielleicht? Doch was, wenn er vom Krieg träumte? Von den Leichen am Königsplatz? Träume sind Schäume? Demenz als höchste Form der Verdrängung? Da konnte ich meinem Vater mit Reflexion nicht kommen.

Es gab eine Notiz über das »Coaching mit WK« (Walter Knierim) am 2. September 1998, an die ich mich erst wieder erinnerte, als ich sie in einem Festplattenordner fand. Im Briefkopf stand mein Name, ergänzt um die neue Selbstständigkeit management.und.coaching. Darunter eine Seite Ergebnisprotokoll:

Situation: Entscheidung über das Ausscheiden aus dem Unternehmen zum Ende des Jahres steht an.

Frage: Wie fühlt sich das Gegenüber in den Verhandlungen, d.h. wie fühlt sich der Geschäftspartner? Will er überhaupt, dass WK aufhört? Wie ist es bei den Abteilungsleitern, der Bank, den Kunden, den ausländischen Geschäftspartnern in Frankreich, Singapur und Hongkong?

Antwort: Eigentlich wollen alle, dass WK weitermacht. Aber: WK will keine Verantwortung mehr übernehmen, ist »Zwang«, will keine Entscheidungen mehr treffen. Also: Ab jetzt ist WK Berater seines Geschäftspartners, seiner Abteilungsleiter usw., ist Prozessbegleiter.

Das schrieb der Coach für seinen Klienten in erstaunlicher Klarheit. Schaffte er es, aus der Sohn- in die Coach-Rolle umzuschalten? Am Schluss der Notiz: Neuen Termin telefonisch am Montag, 14. September absprechen.

Es gab keine neuen Aufzeichnungen zu diesem Coaching, es haben keine weiteren Treffen stattgefunden. Wer wollte nicht weitermachen? AK oder WK oder beide?