Kapitel 29: Herkulesblick - Der Sohn hat es eingerissen?

Auf unserem Balkon saßen mein Vater und der Oberbürgermeister. Meine Beiträge zum Gespräch waren bescheiden. Zwei gestandene Männer verhandelten über ein Grundstück im Industriegebiet. Der Balkon war Teil des Geheimtreffens, nichts sollte nach außen dringen. 

Derselbe, inzwischen nicht mehr Oberbürgermeister fragte mich zwanzig Jahre später, wie ich denn die Firma meines Vaters in die Insolvenz führen konnte? Leider hatte ihn sein Büro nicht informiert, dass ich schon 1988 ausgestiegen war.

Ab einem gewissen Zeitpunkt hören Nicht-Nachfolger auf, die Situation zu erklären. Hier machte ich es noch einmal. Doch ich hatte das Gefühl, der OB hörte mich gar nicht zu, sein Bild war gefestigt: Der Vater hat es aufgebaut, der Sohn hat es eingerissen. Es war der Sohn des anderen Vaters. Der anderen Familie. War auch irgendwie egal. »Die schöne Firma, ein Jammer« sagte der Politiker am Ende unseres Gesprächs auf der Neuen Fahrt, einer Straße in der Innenstadt. Eine bessere Symbolik hätte ich mir nicht ausdenken können.

Zwei Jahre nach dem geheimen Treffen vom OB und vom Gründer war die neue Produktion fertig. Mein Vater stieg auf einen Bierkasten. Schlagartig wurde es in der Halle ruhig. Vielleicht zweihundert Menschen schauten auf diesen Mann im schwarzen Mantel mit gelben Schal. Er hielt eine wunderbare Rede aus dem Stegreif: die ersten Planungen, Lob für den Architekten, Dank an die Baufirma.

Das Timing der Entscheidungen war atemberaubend, wie immer bei einem Familienunternehmer: Aus dem Standort »Zonenrandgebiet« war kurz vor der Fertigstellung des neuen Produktionsgebäudes die »Mitte Deutschlands« geworden. Domo war lieferbereit und Domo lieferte. Die Mengen, die jetzt gebraucht wurden nach der Wende. Mit der Neuheit der FCKW-freien Fertigungsstraße. Morgens schlug mein Vater die F.A.Z. auf, bei den »Meldungen« wurde das verkündet. Ich hatte eine Pressemitteilung verfasst und verschickt. Dass es die Firma mal in diese Zeitung schafft, »sensationell«.

Ein Teil der Produktionshalle war zweistöckig, oben waren die Umkleiden und die Kantine zu finden. Die Mitarbeitenden der Fertigung gingen nicht mehr in einen fensterlosen Raum mit Neonlicht zum Frühstück und Mittagessen. Sie gingen jetzt »nach oben«, um Pause zu machen. Sie schauten aus bodentiefen Fenster in die Weite eines Industriegebietes, noch waren keine anderen Bauten im Gelände zu sehen. Ganz hinten sah man den Herkules und seine Kaskaden im größten Bergpark Europas. Diese Kantine hatte »Herkulesblick«, eine Auszeichnung jeder Wohnung, jedes Hauses in Kassel. Mein Vater wusste, wie wertvoll diese Fertigung war, wie wertvoll seine Mitarbeitenden waren. Der Gewerkschaft mochte es nicht so recht gefallen haben, doch der Chef hatte dieses Gebäude für seine Leute gebaut. Ihnen diesen weiten Blick verschafft.

Einmal saß ich mit ihm dort oben. Die Mittagspause war gerade vorbei, aus der Küche drang das Klappern von Geschirr. Ganz still saßen wir dort, die Sonne hatte den Raum angenehm aufgeheizt, die Holzstühle waren warm. Mein Vater schaute aus dem Fenster, sein Stolz brauchte keine Worte. Sein Blick, sein Körper deuteten eine innerliche Ruhe an, er schien angekommen zu sein. Auf dem Badewannenrand, nach dem Saunagang, hatte er seinen Kopf noch die Hände gestützt. Hier nicht. Ich hörte ihn atmen. Dann schaute er mich an. Die blauen Augen funkelten. Nichts sagten wir. War alles gesagt. Das hier war die Krönung seines Lebenswerkes.

Er hatte den neuen Standort für die nächste Generation errichtet. Zuerst kam die Fertigung, von oben war das Gebäude als umgekehrtes L zu erkennen. Auf den Zeichnungen hatte der Architekt im ausgesparten Teil ein Quadrat gesetzt und fünf Stockwerke angedeutet: die Verwaltung. Die wurde nie gebaut. Aus der Insolvenzmasse fiel das Gebäude an ein anderes Familienunternehmen, das ganz in der Nähe ein paar Jahre später ebenfalls gebaut hatte. Immerhin: auch ein Familienunternehmen. Ich meide die Straße, die am Gebäude vorbeiführt, bis heute. Ein Firmenschild mit einem anderen Name als Domo kommt in meiner Realität nicht vor, dafür spüre ich zu sehr noch den Wind beim ersten Spatenstich mit den zwei Baggern.

Mein Sohn schaute sich fünfzehn Jahre später das Video der Bierkastenrede an. »So kenne ich Opa gar nicht.« Er erinnerte sich an nur einen Opa in der fortgeschrittenen Demenz. Freute sich, ihn jetzt auch mal anders zu erinnern.